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20. Februar 2011 / Pascal Tannich

„Die Zukunft ist 2.0“

Die Zukunft des Web 2.0 hätte eigentlich das Thema der Podiumsdiskussion im Rahmen des Zukunftsforums in der Handwerkskammer Stuttgart sein sollen. Doch die Gäste auf dem Podium – Mario Sixtus (@sixtus) und Peter Glaser (@peterglaser) – sahen sich am Freitag, 18. Februar 2011, mehr mit den Ängsten der Generation meiner Großeltern und somit ihrer eigenen Elterngeneration konfrontiert.

Als Mario Sixtus im Sessel Platz genommen hatte, führte die Diskussion thematisch in die bekannte Richtung dessen, wie die alten Medien mit dem Online-Journalismus umgehen. „Der Schritt von Print zu Online ist für alteingesessene Journalisten der schmerzvollste“, sagte Sixtus. Feedback und Kommentarmöglichkeiten im Netz seien im Online-Journalismus viel massiver in Gebrauch. Das führe dazu, dass sich die Journalisten gekränkt fühlten, wenn sich Spezialisten zu Wort meldeten. Mit Menschen, die sich in einer Thematik besser auskennen würden, könnten viele Verfasser nicht umgehen.

Glaser berichtete von seiner ersten Begegnung mit einem Computer, damals 1979. „Eine Schreibmaschine, mit der ich ins Fernsehen eingreifen konnte“, sagte Glaser. Glaser sagte weiter, dass das Internet der Neunziger „schaufensterhaft“ gewesen sei. Social Software und Networks stellten nun das Interagieren in den Mittelpunkt: „Menschen interessieren sich nicht für Maschinen. Menschen interessieren sich für Menschen.“ Deshalb seien soziale Netzwerke so erfolgreich, die Maschine trete in den Hintergrund.

Sixtus äußerte sich auch zum Blog-Sterben: Empfehlungen und Kurzmeldungen, die früher auf Blogs stattgefunden hätten, verschöben sich auf Twitter und Facebook. Es gebe immer weniger junge Menschen, die Blogs erstellen würden.

Auch die „Gefahren“ von Facebook fanden ihren Weg in die Diskussion. Sixtus: „Ich bin mir bei Facebook auch nicht sicher, ob das jetzt der Weisheit letzter Schluss ist. Dafür gehen die Macher von Facebook eigentlich zu schludrig mit den Bedürfnissen ihrer Nutzer um. Und wurschteln da vor sich hin und verändern mal eben irgendwas und sagen nicht warum und man kriegt es überhaupt nicht mit, warum was jetzt wie wo passiert.“

Sixtus: „Leute in unserem Alter sind im Netz überwiegend passiv unterwegs. Sie nutzen es für Dinge, die sie kennen: Reisen buchen, Banking und Zeitung lesen.“ Er wehrt sich aber dagegen, die Nutzer des Internets in Generationen zu unterteilen.

Die erste Frage aus dem Publikum ging darauf ein, dass die Sprache durch die Kommunikation im Internet verfalle. Peter Glaser sagte: Dadurch, dass man im Netz zumeist mit geschriebener Sprache kommuniziere, würden Schreibschwächen, Schlampigkeit und schlechter Stil offensichtlich. „Das Internet macht Dinge sichtbar, die ohnehin da sind.“

Und schließlich noch, wer hätte es gedacht: Wikileaks. Aus dem Publikum kam die Frage, was Leaks durch Mitarbeiter für mittelständische Unternehmer bedeuten könnten. Mitarbeiter könnten ihre Verträge offen legen und Geheimnisse im Netz ausplaudern. Glaser beantwortete die Frage mit dem allgemeinen neuen Verständnis von Privatsphäre. Er nutzte die Metapher der Telefonzelle: Sie habe sich von einem wirklichen Haus hin zu einem „Kommunikationsmarterpfahl“ entwickelt. Bildhaft sei dafür auch das Führen von Telefongesprächen in der Öffentlichkeit mit dem Mobiltelefon.

Die Befürchtung „ein Honorarspiegel“ könnte durch Leaks von Angestellten entstehen, beantwortete Glaser damit, dass es den bereits für freie Autoren bei der Gewerkschaft gebe. „Das Internet macht die Dinge transparent und durchschaubar, ob‘s uns jetzt gefällt oder nicht.“ Anonymes Ausplaudern von Geheimnissen sei aber, so Glaser, etwas, das es nicht erst seit dem Internet gibt.

Sixtus sagte: „Das ist wie eine Naturgewalt. Auf einmal werden die Daten flüchtig. Da werden wir uns dran gewöhnen müssen. Die einzige Alternative ist eigentlich, das Internet abzuschalten.“ Ich gehe an dieser Stelle davon aus, dass er das nicht als Alternative sieht.

Peter Glaser betonte, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei. Verstoße jemand gegen eine Vereinbarung zur Geheimhaltung, sei das auch im Internet juristisch verfolgbar. Glaser sagte weiter, die großen Tageszeitungen könnten ohne anonyme, geschützte Informanten nicht existieren. Es würden keine Skandale mehr aufgedeckt.

Das ist es wohl auch, was den Menschen noch nicht ganz klar ist: Nur weil kein großer Zeitungsname über einem Blog steht, heißt das ja nicht, dass dort Unwahrheiten berichtet werden.

Nach der Veranstaltung bestand zum Glück die Möglichkeit, mit den anderen Zuhörern in Kontakt zu treten. Was @DerFips und ich in der Diskussion leisteten war Aufklärungsarbeit. Leider nur mit den offen eingestellten Gästen, die nicht völlig geblendet aus Angst vor Veränderung ihre Augen vor dem Web verschließen wollten oder schon verschlossen hatten.

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