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17. Februar 2011 / Pascal Tannich

Medienlogik und Medienrealität

Letzten Donnerstag und Freitag (10. und 11. Februar) habe ich in der Uni in Tübingen verbracht und dort den diversen Vorträgen zahlreicher Professoren, Doktoren und Master-Absolventen gelauscht. Denn dort fand die Tagung der Fachgruppen „Journalistik/Journalismusforschung“ und „Mediensprache/Mediendiskurse“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft e.V. unter dem Titel „Medienlogik und Medienrealität“ statt.

Ich werde das, was ich dort erfahren habe, nach meinen Prioritäten geordnet, hier niederschreiben. Es sind nicht alle Vorträge dabei, eher das, was junge Online-Journalisten meiner Meinung nach anwenden können.

Besonders interessant fand ich Julius Reimers Vortrag. Eigentlich war er als gemeinsamer Vortrag mit Klaus Meier geplant, doch Meier musste „repräsentativen Verpflichtungen“ nachkommen.

In Reimers Vortrag ging es um Transparenz in den Medien. Er stellte seine und Meiers Untersuchung vor, die zeigte, dass sich das Vertrauen der Leserinnen und Leser in Journalismus durch Transparenz steigern lässt. Sie hatten ihren Untersuchungsteilnehmern einen Artikel vorgelegt, dem sie wahlweise keine Transparenz erzeugenden Elemente, prozess- oder produkttransparente Elemente oder alle Transparenzelemente anfügten. Mit jedem Transparenzelement steigerte sich das Vertrauen weiter, allerdings nicht linear.

Die verschiedenen Transparenzdimensionen kurz erklärt (Update 3. März 2011):
Produkttransparenz: Wie ist das journalistische Produkt entstanden und aAuf welchen Quellen beruht es das journalistische Produkt? -> Bild und Vita des Autoren, Verlinkung zu/Verweis auf Quellen
Prozesstransparenz: Warum wird über welche Themen geschrieben und in welcher Art und Weise berichtet? -> Videoclips von Redaktionssitzungen, Themenpläne, Autor und dessen Vita (Update Ende)

Monologische Transparenz, die vom Publizierenden ausgeht, kann on- und offline hergestellt werden: Autor, Quellen und Hintergrundinformationen neben dem Artikel schaffen beispielsweise Produkttransparenz. Weiter wurde deutlich: Neben dieser monologischen Transparenz bietet vor allem der Online-Journalismus zwei weitere Möglichkeiten, Transparenz zu erreichen: Dialogische und partizipative Transparenz sind im Online-Journalismus einfacher und somit häufiger anwendbar.

Mit Kommentaren und Foren bieten die meisten Produzenten von Online-Journalismus zwar schon heute Möglichkeiten zu diskutieren, aber ich denke für den Transparenzeffekt müssten sich die Autoren noch mehr in die Diskussion einbringen. Die Möglichkeiten bei der Entstehung eines journalistischen Produkts mitzuarbeiten, sind, glaube ich, zum momentanen Zeitpunkt im Online-Mainstream aber wohl noch sehr stark ausbaubar. Von Nutzern generierter Inhalt, der redaktionell ausgebaut, nachrecherchiert und bearbeitet wird, findet sich, so zumindest mein momentaner Eindruck, wenn, dann vor allem auf Tech-Sites.

Reimer machte deutlich, dass die Objektivität, die bisher im Journalismus suggeriert wird, mit dieser Theorie der Transparenz im Widerspruch steht. Allwissend zu erscheinen, ist nicht damit vereinbar, dem Konsumenten die eigene Meinung und persönliche Wissenslücken offenzulegen.

Reimers Vorredner Vinzenz Wyss sprach im Bezug auf die Logik des Journalismus von einem transdisziplinären Zugang. Journalismus synchronisiere die Gesellschaft und die verschiedenen Systeme in ihr. Verschiedene Systeme stünden im Konflikt und der Journalismus werde dann aktiv, wenn sich Interessen gegenüber stünden. Dabei setzt sich das Publikum des Journalismus aus den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen zusammen: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, … . Die verschiedenen Diskurse innerhalb dieser gesellschaftlichen Gruppen miteinander zu kombinieren und alle in ihrer Lebenswelt abzuholen, das gelänge mit Narration. Ein erzählender Journalismus also könne die verschiedenen gesellschaftlichen Systeme zusammenführen.

Durch eine konstruierte Reihenfolge, bestimmte Rollenträger (im Sinne eines Helden, Gewinners, Verlierers, …) könnten Texte leichter verstanden werden. Journalismus mit Hinweisen und Schlüsseln zur Interpretation, einer Lösung, einem Konsens zum Schluss erleichterten das Konsumieren. Aber Narration ist immer subjektiv, weil sie bewertet und selektiert, damit eine stimmige Geschichte entstehen kann.

Auch Friederike Herrmanns Vortrag am Freitag hatte etwas mit Narration zu tun. Im Mittelpunkt stand die persönliche Erzählstimme in einem Text. Mit ihr wird eine Beziehung zum Leser hergestellt. Sie macht die Bedingungen aus, unter denen ein Text gelesen wird. Im Texteinstieg wird „ein Vertrag mit dem Leser“ geschlossen, womit er im Folgenden zu rechnen hat.

Herrmann sagte, dass eine individuellere Sprache möglicherweise ehrlicher sein könnte, als vom Leser distanzierte Formulierungen. Ich finde, das stimmt, denn eine vorgegaukelte Objektivität durch distanzierte Formulierungen macht es dem Leser nur schwerer, die Meinung des Autoren und der Redaktion zu erkennen. Jedem von uns ist aber bewusst, dass es Blattlinien gibt und kein Mensch vollkommen objektiv berichten kann. Eine ehrlichere Sprache würde in meinen Augen auch Transparenz schaffen. Und damit schließt sich der Kreis zu Reimers Vortrag. Denn was brächte es, den Autor eines Textes zu kennen, sein Foto und seine Lebensgeschichte vor Augen zu haben, wenn sein Text distanziert formuliert ist. Was bringt uns ein persönlicher Kontakt zu ihm, wenn jeder x-beliebige den Text hätte schreiben können.

Das war der kleine Einblick in drei von fünfzehn Vorträgen an diesen anderthalb Tagen. Ich danke allen Dozenten für die aufschlussreiche Veranstaltung und das geballte wissenschaftliche Wissen, das sie in dieser kurzen Zeit mit den Zuhörern geteilt haben.

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  1. Julius Reimer / Mrz 3 2011 14:16

    Ha, da hat sich der gleiche Fehler auch bei mir eingeschlichen!
    Besten Gruß
    Julius Reimer

  2. Julius Reimer / Mrz 2 2011 20:22

    Lieber Herr Tannich,

    vielen Dank für die so freundliche Erwähnung des Vortrags von Klaus Meier und mir! Nur zwei kleinere Korrekturen hierzu: Zunächst einmal führt nicht jede zusätzliche Transparenz zu mehr Vertrauen. Vielmehr ist der Vertrauenszuwachs vom Verbreitungsmedium (Print oder Online) und der Art des hinzugefügten Transparenzelementes (Produkt- oder Prozesstransparenz) abhängig. Weiter bezieht sich Produkttransparenz wirklich nur auf das journalistische Produkt und die darin enthaltenen oder nicht enthaltenen Informationen, also die genaue Offenlegung der Quellen eines Beitrags, der Fragen, die durch die Recherche nicht beantwortet werden konnten usw. Bild und Vita des Autors hingegen zählen zur Produkttransparenz, weil sie ein Stück des Prozesses der Beitragserstellung transparent machen, nämlich den Urheber und seine Ausbildung. (Selbstverständlich handelt es sich hier ohnehin nur um analytische Trennungen.)

    Mit bestem Gruß aus Dortmund
    Julius Reimer

    • Pascal / Mrz 3 2011 12:07

      „Bild und Vita des Autors hingegen zählen zur Produkttransparenz,…“ – sicherlich meinen Sie Prozesstransparenz. Danke für Ihr Feedback.

  3. Mirca Waldhecker / Feb 17 2011 19:21

    Bitte um weitere Einblicke!

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