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5. Februar 2011 / Pascal Tannich

Wir sind nicht Facebooks Kunden

Wir sind nicht Facebooks Kunden, sondern die Ware. Wir stellen den Wert des Unternehmens dar.

Facebooks Kunden sind all die Firmen, die auf Facebook als riesige soziologische Datenbank zurückgreifen, um mit gezielter Werbung effizienter Geld zu verdienen.

Keine Angst, dieser Artikel ist kein Anti-Facebook-Artikel. Er setzt sich mit dem Phänomen aus verschiedenen Perspektiven auseinander.

Der Nutzen Facebooks

Facebook wäre nicht so erfolgreich, wenn es den Entscheidungsträgern nur um Profit und die Versorgung ihrer Kunden mit Daten der Nutzer ginge. Die vielen Funktionen von Facebook machen es für so viele – und immer mehr – Menschen so attraktiv, Mitglied zu werden. Nirgends kann man im Moment so viele seiner „Freunde“ gleichzeitig mit so vielen Informationen eindecken und sie auf dem Laufenden halten wie auf Facebook. Facebook ist beinahe einzigartig und durch die enorme Verbreitung (mehr als 500 Millionen Nutzer, >14 Millionen in Deutschland) und Abdeckung alternativlos. Ich muss hier einfach das Unwort benutzen.

Auch für Firmen ist das Profitieren vom Backend, also dessen, was hinter den Kulissen des Unternehmens passiert, unsichtbar für den Facebook-User, lange nicht der einzige Vorteil von Facebook. Auch als Mitglieder profitieren Firmen und Marken von den enormen viralen Effekten die von Facebook ausgehen. Likes und Freundschaften sind zu einer starken Währung geworden.

Facebook macht die Welt besser

Facebook als Revolutionsmöglichkeit, als Plattform zur Organisation außerparlamentarischer Opposition funktioniert und bewirkt Unglaubliches. Erst nach der Facebook-Revolution in Ägypten waren so viele Menschen auf der Straße, dass ihre Meinung auch offline aus genug Mündern kam. Ohne eine Online-Vorbereitung hätten sich nie so viele Gleichgesinnte organisiert. Mubarak hätte auch schon viel früher unter Druck geraten können, doch es gab eben keine Vernetzung in der Opposition, die stark genug war – bis vor ein paar Tagen. Diese wunderbaren Eigenschaften sind inzwischen auch in den konservativen Kreisen der Politik angekommen. Ich weiß zwar nicht, ob Angela Merkel wirklich die Freiheit von Facebook, Twitter und Co. für ihren Verdienst halten sollte, aber sie hat sicher damit Recht, dass Inhalte im Netz Gesichter bekommen und persönlicher werden.

In unserer Euphorie für diese Möglichkeiten Facebooks und unserer Sympathie für Unterdrückte wie das ägyptische Volk vergessen wir aber, dass jeder weiß: Unternehmen arbeiten schon immer so, dass sich ihr Profit erhöht und die Teilhaber glücklich sind. Daher wird sich auch Facebook so verhalten, wie es die Mächtigen und Geldgeber wünschen. Doch letztendlich entscheidet der Nutzer, wie weit Facebook gehen kann.

Facebooks Kunden-Nutzer-Verhältnis

Mit den immer stärker steigenden Nutzerzahlen – auch älterer Menschen (50+) – kann mit Facebook schon heute beinahe die ganze Gesellschaft repräsentiert werden. Zumindest mit der Zeit wird eine repräsentative Abdeckung auf jeden Fall möglich sein. Forschungs- und Umfrageinstitute werden überflüssig werden. Datensätze können möglicherweise in Zukunft einfach bei Facebook bestellt werden.

Das Abgreifen beziehungsweise Abkaufen von personenbezogenen Daten der Nutzer aus den Beständen Facebooks durch Dritte wird zahlreichen Werbetreibenden in Zukunft nicht mehr genügen. Immer mehr werden den Schritt gehen, nicht mehr nur einzelne Kontakte der Facebook-Mitglieder zu nutzen, sondern gleich eine ganze Schicht, eine gesellschaftliche Gruppe via Facebook zu durchleuchten.

Schon in den letzten Jahren ging es Facebook und seinen Kunden nicht nur um die Daten einzelner Mitglieder, die für Werbezwecke an Dritte weitergegeben wurden. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Nutzern – das Soziale – ist es, was die Werber interessiert.

Solange nur die Werbeindustrie auf diese Daten zugreift, wird die Werbung eben immer besser auf uns abgestimmt. Es wird kein gestreutes Spamming mehr geben, sondern gezielte Werbeattacken. Damit ließe sich leben, wäre es doch auch für uns angenehmer, nur noch mit interessanter, auf uns abgestimmter Werbung konfrontiert zu sein.

Man kann seine Privatsphäre wahren

Facebook bietet trotz des Drucks der Datenkäufer, mit denen es schließlich den Dienst für seine Nutzer finanziert, viele Möglichkeiten für seine Mitglieder, ihre Privatsphäre zu wahren. Es gibt zahlreiche Schrauben, an denen man als Nutzer drehen kann, um sein Profil nicht der ganzen Welt, sondern nur den Facebook-Freunden zur Verfügung zu stellen. Ja, für jeden einzelnen Post könnte man theoretisch einzelne Empfänger angeben und die Nachricht so nur an eine kleine Gruppe versenden. Doch vielen fallen die Schrauben nicht auf, weil sie, man könnte sagen, etwas unauffällig platziert sind.

Doch was nutzt einem Facebook, wenn man sich damit nur von der digitalen Umwelt wieder ausschließt. Ein bisschen offen muss man schon sein, damit die Funktionalität erhalten bleibt. Anonymität ist in einem sozialen Netzwerk nicht angebracht, anonym kann man sich nicht vernetzen. Das funktioniert nur richtig, wenn man ehrlich ist.

Ich habe einen ganz persönlichen Grund, warum ich all das schreibe: Ich bin noch kein Facebook-Mitglied. Wie zu erkennen ist, setze ich mich aber mit dem Thema auseinander.

Eine Kommilitonin veröffentlichte heute einen Artikel auf ihrem Blog. Sie hat ein sehr schönes Projekt gestaltet, in dem sie die Blogger unseres Jahrgangs auf einer Plattform zusammenfasst. Ich bin in diesem Projekt nicht vertreten. Sie meint, weil ich nicht auf Facebook bin. Sie hatte ihre Facebook-Gemeinschaft über ihre Pläne informiert und auch zur Umsetzung des Projektes befragt. Mich konnte sie so natürlich nicht erreichen. Ein anderer Kommilitone, der sich auch noch nicht im Kreis der Facebook-Nutzer befindet, schaffte es aber doch – durch soziale Kontakte im realen Leben. Allein an der fehlenden Facebook-Vernetzung lag es also nicht. Ich bin/war einfach im realen Leben nicht vernetzt genug mit ihr. Ob sich solche Lücken durch eine Mitgliedschaft bei Facebook schließen lassen, wird sich zeigen.

Sie schreibt in ihrem Artikel auch, dass meine Abstinenz auf Facebook wohl „irgendwas mit Datenschutz-Bedenken“ zu tun hätte.

Ich habe keine Angst vor anderen Menschen, die mit einer Google-Suche erfahren könnten, dass ich gerade ein Butterbrot esse. Denn das ließe sich mit den Privatsphäreeinstellungen von Facebook verhindern. Wovor ich aber Respekt habe, ist, dass meine Daten dem Unternehmen zufließen, unabhängig, wie strikt ich meine Privatsphäreeinstellungen wähle.

Ob an diese Daten, die ich in Facebook als nicht öffentlich markiere, nun außer Facebook auch andere heran kommen, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass das nicht der Fall ist. „Irgendwas mit Datenschutz-Bedenken“ hat es also schon zu tun, aber nicht in dem Sinne, wie es die Zeitungs-Verleger propagieren, sondern mit der Befürchtung, dass Facebook auch für die Außenwelt geschützte Daten verkaufen könnte. Im Moment ist das wohl nicht vorgesehen. Potenziell möglich wäre es aber.

Was könnte mit solchen Daten und Verbindungen „angestellt“ werden?

Diktatoren könnten, wären sie und ihre Untergebenen fähig genug, jedweden Aufstand schon Wochen vor Ausbruch still und heimlich verhindern. Live-Analysen könnten aufdecken, wo sich jemand gerade nicht systemkonform äußert. Schon vor einer Ausbreitung revolutionärer Gedanken könnten Regime und ihr Gefolge dann eingreifen. Die virale Ausbreitung, die soziale Netzwerke auszeichnet, würde so schnell wirkungslos. Nichts könnte sich mehr unbeobachtet entwickeln. Es gäbe keine Chance, dass sich eine noch so kleine Gruppe Gleichgesinnter auf Facebook zusammenschließen könnte. Es liegt also auch an Facebook und den Richtlinien, was mit den Daten der Nutzer passiert.

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  1. Mirca Waldhecker / Feb 5 2011 17:16

    In der Tat hätte mehr Kontakt in der Realität auch geholfen. So hat es auch der Kommilitone, den du hier nennst, in das Projekt geschafft. Das Problem wird hoffentlich nicht wieder auftauchen, da ich nun die Adresse vom Jahrgangs-Verteiler habe.

    Was das aktuelle Projekt angeht: Ich kann dir die Seite gerne zeigen, damit du eventuell verstehen kannst, warum ich jetzt nichts mehr daran ändern kann, dass du nicht dabei bist. Wenn aber noch mehr dazu kommen, wäre ich bereit in der Link-Liste einen Punkt „Nachzügler“ o.ä. einzufügen.

    Und zuletzt: Ich kann deine Bedenken durchaus verstehen. Aber manchmal schadet auch etwas Optimismus nicht und etwas Freude über eine so großartige Plattform, die so viel ermöglicht.

    • Pascal / Feb 5 2011 21:58

      Ich habe damit keine Probleme, nicht dabei zu sein. Du musst dir und anderen auch keine zusätzliche Mühe machen. Ich habe von Anfang an verstanden, warum ich nicht nachträglich noch eingebaut werden kann. Ich habe aber auch nie auf irgendeine Weise gefordert, noch aufgenommen zu werden.

Trackbacks

  1. Traurig, traurig. GooglePlus-Pages werden kommen. « Mein Leben

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